Dieses Jahr war alles anders. Dennoch habe ich etwas überlegen müssen, was die Velo Berlin 2018 für mich so besonders gemacht hat.

Die neue ‘Location’ Tempelhof

Natürlich. Die Velo fand in den vergangenen 7 Jahren auf dem Messegelände im Westen der Stadt statt, in den älteren der Messehallen rund um den Funkturm. Das Zwischenareal diente als Teststrecke, u.a. wurde eine der unsäglichen labyrinthartigen Lieferzufahrten mit eingebaut, um eine recht anspruchsvolle Steigungsstrecke mit einzubinden. Die Messe Berlin ist eine Zumutung und hier konnte ich diesen Wegen ausnahmsweise etwas positives abgewinnen. Den für die Velo genutzten Teil fand ich auch sonst angenehm. Ein einfacher Rundkurs in den Hallen, ein vernünftiges Testareal unter freiem Himmel, was will man mehr? Jetzt also das ehemalige Flughafengelände mit den Hangars 5 und 6 als Ausstellungshallen, dem teils überdachten Vorfeld als Standfläche für die Aussteller mit Testparcour und ein weiträumiges Umfeld. Eine Verbesserung? Die neue Velo wirkte auf mich im Ausstellerbereich durch die 2 großen Hangars statt der fortlaufenden Hallen trotz der mehr als 270 Aussteller kompakter. Das nimmt etwas von dem bisherigen Messe-Ambiente, aber für den Besucher ergibt sich eine übersichtlichere Aufteilung. Der Außen- und Testbereich dagegen ist ohne Frage ein einziges Plus. Soviel Platz für das Fahrzeug Fahrrad war selten. Wer hier nicht ausgiebig testen konnte, hat etwas falsch gemacht. Dieser großzügige Raum bot darüberhinaus auch noch Spielräume, der Vermarktung als Bike-Festival gerecht zu werden. Neben dem Lastenradrennen (s.u.) fand auch zum ersten Mal das “Airfield Race” statt, organisiert vom Berliner Radsportverband, ein Hauch von Rennstrecke mitten in Berlin. Diese Freiheit war selten! Auch schön: das Gelände war mit einem Extra-Eingang vom Parkareal des Tempelhofer Feldes aus zugänglich. Nicht wenige werden ihren Weg mit dem Fahrrad erstmals über das Feld zur Messe gewählt und so einen Eindruck von dem Raum und der unbeschwerten Schönheit des Radelns mitgenommen haben.

Alles in allem ist der neue Standort eine gute Entscheidung.

Schwerpunkt Lastenräder

Die Velo hat es geschafft, in diesem Jahr das International Cargo Bike Festival von Nijmegen nach Berlin zu holen. Cargobikes waren schon immer ein Thema auf der Velo, aber mit dieser renommierten Veranstaltung und dem, was die Berliner Lastenradszene in Gestalt der Cargobike Fans Berlin hier organisiert hat, kann man schon von einem besonderen Schwerpunkt sprechen. Nicht ganz zufällig hat die Berliner Verkehrssenatorin die Velo dazu genutzt, ihr Programm für die Bezuschussung von gewerblichen und privaten Lastenrädern 2018 und 2019 zu verkünden. Highlight im Freigelände war denn auch das Lastenradrennen, dominiert von dem Starterfeld schneller einspuriger Räder mit und ohne E-Unterstützung. Erkennbar war aber im Lastenradbereich unter den auf der Velo gezeigten Modellen, dass neben der Bullit-Szene eine Produktpalette entstanden ist, die auf urbane Lieferketten jenseits von Kurierdiensten zielt. Hybride Fahrzeuge wie das schwedische Norsjö von Veheco oder von xcyc mit Fahrrad- und KFZ-Technik, die allgegenwärtige Elektrounterstützung und groß dimensionierte Nutzflächen und volumenstarke Aufbauten kombinieren (z.B. ein neues Modell des Neigeradspezialisten Veleon), zeigen die Auflösung bisher gekannter simpler Fahrzeugkategorien. Erfreulich auch, dass einige traditionelle Hersteller, die man sonst eher selten sieht, u.a. Bellabike und Triobike in Berlin zu sehen waren.

Wo führt das hin?

Seit Jahren rollt der Erfolg der E-Bikes. Ausgereifte Motoren, starke Akkus – da muss sich auch mehr mit machen lassen, als städtische Pendler bis 25km/h zu unterstützen, so scheint’s. Räder, die als Motorräder getarnt daher kommen, sind schon seit Jahren zu sehen, neuer Vertreter diesmal das Unimoke von urban drivestyle, läuft bei denen unter der Bezeichnung “Crossover E-Bike”. Und wie auch bei den Lastenrädern: die Grenzen verschwimmen. Fahrradpuristen, die schon mit einem E-Motor Schwierigkeiten haben, werden in den kommenden Jahren nicht weniger Verdauungsschwierigkeiten überstehen müssen. Räder, die nach Rädern aussehen (wie das Ampler), werden da noch die leichtere Kost sein. Was sagt man zu Biestern, die zwar noch Pedale haben, aber ansonsten Kunden ansprechen, die bisher mit Fahrrädern nichts am Hut haben?

Letztlich geht es um Mobilität. Das klassische Auto, ob mit Verbrenner oder E-Motor ist wegen seiner parkraumverschlingenden Ineffizienz in den Städten ein Zombie: seine Zeit ist abgelaufen, aber es macht noch die Städte unsicher, beseelt von den Profitinteressen der Konzerne und der Konditionierung ihrer Nutzer. Fertige Produktionslinien, eingespielte Lieferketten, beste Kontakte in die Politik, Ausrichtung der Infrastruktur, unser ganzes automanisches Denken werden nicht so schnell zu einer Implosion des Marktes führen. Die Zukunft der Mobilität wird dennoch schon jetzt durchgespielt von kleinen und großen Firmen mit Ideen rund um 2 Räder und Pedale, die gerne auch frei und ohne Berührungsängste mit mehr Rädern und noch mehr Elektro angedickt werden. Offen sichtlich auf einer Messe, mit offenen Augen betrachtet sichtbar in jeder Stadt.

Foto: (c) M. Stoß
Text: M. Stoß