So sagt es das Gesetz. Genauer gesagt, radelnde Kinder ab dem vollendeten 10. Lebensjahr.  Paragraph 2, Abs. 5 der StVO zum Gehwegradeln ist da eindeutig und auch nicht neu, er besagt:
(5) Kinder bis zum vollendeten achten Lebensjahr müssen, Kinder bis zum vollendeten zehnten Lebensjahr dürfen mit Fahrrädern Gehwege benutzen. Ist ein baulich von der Fahrbahn getrennter Radweg vorhanden, so dürfen abweichend von Satz 1 Kinder bis zum vollendeten achten Lebensjahr auch diesen Radweg benutzen. Soweit ein Kind bis zum vollendeten achten Lebensjahr von einer geeigneten Aufsichtsperson begleitet wird, darf diese Aufsichtsperson für die Dauer der Begleitung den Gehweg ebenfalls mit dem Fahrrad benutzen; eine Aufsichtsperson ist insbesondere geeignet, wenn diese mindestens 16 Jahre alt ist. Auf zu Fuß Gehende ist besondere Rücksicht zu nehmen. Der Fußgängerverkehr darf weder gefährdet noch behindert werden. Soweit erforderlich, muss die Geschwindigkeit an den Fußgängerverkehr angepasst werden. Vor dem Überqueren einer Fahrbahn müssen die Kinder und die diese begleitende Aufsichtsperson absteigen. 
Dass dies nicht nur blanke Theorie ist, sondern auch tatsächlich anwendbares Recht, belegt ein im September 2016 in zweiter Instanz ergangenes Urteil des Oberlandesgerichtes Hamm (Az 9 U 238/15) zum Gehwegradeln. Demnach ist ein 11-jähriger Radler als für allein schuldig an einem Zusammenprall  mit einer ordnungsgemäß fahrenden Radfahrerin befunden worden, deren Vorfahrt er missachtet hatte. Den entstandenen Schaden mit seinen Folgen, u.a. eine andauernde gesundheitliche Beeinträchtigung der Frau, muss er übernehmen (aus der Pressemeldung geht hervor, dass eine Haftpflichtversicherung vorhanden ist, die für den Schaden eintritt.)
 
Weshalb ist dieser Fall dem Gericht eigentlich überhaupt eine eigene Pressemeldung wert, wo es doch ganz normale Rechtslage ist? 
 
Ganz einfach, weil Gehwegradeln ebenso normale Praxis ist, gerade auch für ältere Kinder und Jugendliche. Und das ist so, weil Eltern einfach nicht wollen, dass ihre Kinder neben LKWs und Bussen, Nahüberholern und Rasern auf der Fahrbahn unterwegs sind. Das gilt selbst für 30km/h Wohngebietsstraßen, wo hibbelige Autofahrer bis auf 2m an Kinderpulks auf dem Weg zur Schule heranfahren und sie bedrängen.
 
Es ist gut, dass das Gesetz Fußgänger schützt, dem Urteil ist also durchaus breitere Kenntnis zu wünschen. Im Grunde genommen erwartet der Gesetzgeber damit jedoch, dass Eltern ihre Kinder in Vehicular Cycling Aktivisten verwandeln. Hierzu hat schon der Berliner Verkehrssenator Andreas Geisel (SPD) 2016 freiherzig eingestanden: “Ich würde auf vielen Straßen in Berlin selber niemals Rad fahren.” Dafür bekam er viel Schelte, war sein Resort doch viele Jahre in SPD-Hand und hat zu wenig getan, um den städtischen Verkehr für Radfahrer so sicher zu gestalten, dass nicht nur Verkehrssenatoren sondern auch Kinder dort vertrauensvoll fahren könnten. Allein, er traf damit den Nagel auf den Kopf, sicher nicht nur für Berliner Verhältnisse. Kinder lernen noch immer in deutschen “Verkehrsgärten” die Grundregeln des Straßenverkehrs, aber weder Lehrer noch Polizei noch Politik noch Eltern sehen ihre Schützlinge/Sprösslinge danach guten Gewissens das Gelernte im richtigen Verkehr anwenden. 
 
Das ist Heuchelei – und ein Blick in die Niederlande lehrt uns, dass das auch anders geht. Nicht zuletzt, weil die Niederlande bereits in den frühen 1970er Jahren unter dem Motto “Stoppt den Kindermord” begannen, ihre Infrastruktur umzubauen. Ob man nun das Fahren auf der Fahrbahn auch für Kinder durch geeignete Maßnahmen ermöglicht, oder eine getrennte kinderleicht zu nutzende Radinfrastruktur schafft ist unerheblich. Aber es wäre schön, wenn Gesetz und Realität möglichst rasch miteinander in Übereinstimmung zu bringen wären.
 
Text: M. Stoß