(…davor sterben Menschen)

Seit Jahren werden wir darauf vorbereitet, dass eines Tages autonomes Fahren unsere Welt ein Stück sicherer machen wird. Es gibt viele menschenfreundliche Gründe, dieses Ziel zu verfolgen. Wer die Grundlinien der Multimilliarden-Euro/Dollar/Yen/Yuan-Industrie verfolgt, muss allerdings skeptisch bleiben. Es geht eigentlich selten um das Glück der zu beglückenden Menschen, sondern meistens um schlichten Profit. Recht häufig gibt es einen gewissen Deckungsbereich. Ein gutes Produkt hilft dem Käufer des Produktes. Nicht notwendigerweise allerdings anderen Menschen, die dieses Produkt nicht kaufen. Ein eindrückliches Beispiel wäre eine Pistole. Oder eben ein Auto.

Autos sind nun zwar nicht primär auf Todbringen gebaut, allerdings ist der Tod oder die Verletzung anderer Menschen oft eine Folge unverantwortlicher Benutzung dieser Produkte. Was liegt also näher, als die Fehlerquote durch Fehlbenutzung abzusenken, indem man dem fehlbaren Benutzer die Kontrolle wegnimmt und an einen quasi unfehlbaren Automaten übergibt. Wir alle sind uns darüber im Klaren, dass es eine Unfehlbarkeit auch bei Automaten nicht gibt. Dennoch sind viele Prozesse in unserer heutigen rasend schnellen Welt bereits automatisiert, weil der Mensch schlicht überfordert wäre. Auch im Bereich Mobilität gibt es einen hohen Grad an Automatisierung, der zur Sicherheit beiträgt. Schiffe, Flugzeuge, Bahnverkehr sind oft schon ohne automatische Prozesse nicht mehr sicher zu betreiben. Der Autoverkehr als Massentätigkeit fehlbarer Menschen ist da derzeit noch weit zurück und eine Verbesserung der Sicherheit für andere ist schon lange überfällig. Die Autoindustrie hat viel Geld investiert, um das Produkt als solches sicherer für die Käufer zu machen. Mit Erfolg. Für die Menschen außerhalb des Autos sieht das anders aus. Allein, dass 1/4 der Neuzulassungen überschwere, hohe SUVs sein dürfen, die jeden Kinderkopf zielgenau zerschmettern und jedes Erwachsenenbecken zerlegen, ist ein Unding. Die durchschnittliche PS-Zahl der Neuwagen hat die 150 überschritten, während die Nutzer solcher Autos sich darüber beklagen, dass Tempo 30 in den Innenstädten ein Unding wäre, weil ihre Motoren dann doch ineffizient arbeiten würden. Weshalb regen wir uns über irrsinnige Waffengesetze in den USA auf, ignorieren aber diese ebenso wahnsinnigen Entwicklungen?

Gemeinwohl vor Profit

Der Dieselskandal, das Dieselverbrechen, der Dieselbetrug, gemeinhin als “Dieselkrise” schöngeredet, macht klar, was eigentlich wichtig ist: Profit. Große Wirtschaftskonzerne – wie schon zuvor die verbrecherischen Akteure in der “Bankenkrise” schreiben nicht nur an den Gesetzen mit, die unsere Parlamente erlassen, nein, sie brechen diese sogar noch. Und was tun unsere gewählten Regierungen? Sie decken das Verbrechen, ziehen vor Gerichte, fordern nach ergangenen Gerichtsurteilen sogar noch zum Rechtsbruch auf. Und die Bürger? Stehen die betroffenen Dieselkunden massenhaft protestierend vor den Autosalons? Mitnichten. Sie organisieren sich allenfalls in Gruppen, die gegen Dieselfahrverbote protestieren. Wie werden sich die Käufer von autonomen Fahrzeugen, wie wird sich die Politik, wie wird sich die Autoindustrie verhalten, wenn es darum geht, die Verantwortung dafür zu übernehmen, wenn durch diese Technik Menschen zu Schaden kommen? Ethische Fragen wie die, welche Entscheidung ein autonomes System zu treffen hätte, wenn in einem Unfallgeschehen entweder Unbeteiligte oder die Fahrzeuginsassen getötet oder verletzt würden, dürfen nicht den Nutznießern dieser Technik überlassen werden.

Wie soll die Mobilität unserer Städte in Zukunft aussehen, wenn die Fahrzeuginsassen ein Youtube-Video anschauen (wahrscheinlich) oder sich angeregt unterhalten (unwahrscheinlich), während gerade in der Steuerung ein paar bits durcheinandergeraten oder sich eine ambitionierte Hackergruppe gerade mal in alle Volvos einloggt, die das letzte Update nicht gezogen haben?
Wie soll diese Mobilität aussehen, wenn selbst autonom fahrende Autos Höchstgeschwindigkeiten nicht einhalten, auch bei dunkelorange über die Kreuzung fahren oder sich rechtsabbiegend die Vorfahrt vor Radfahren und Fußgängern erzwingen?
Wie soll sie aussehen, wenn die Verantwortung für die Wahrnehmung nicht gepanzerter Verkehrsteilnehmer auf diese selbst übergeht. Hat der ohnehin umstrittene Fahrradhelm dann ausgedient und wird durch eine Pflicht für Radarreflektorenkleidung ersetzt? Wer sich nicht autoautonomieoptimiert bewegt, verliert den Versicherungsschutz und Rentenansprüche?

Es ist klar, dass auch autonome Systeme keinen 100%igen Schutz liefern können. Sie könnten aber durchaus die Sicherheit – gerade für bisher ungeschützte Verkehrsteilnehmer – verbessern. Ein autonomes System kann sich dem Anspruch des Benutzers verweigern, auf Kosten aller anderen durch die Stadt rasen zu wollen. Ein autonomes System kann das Risiko eines so risikobehafteten Systems wie es Autos derzeit nun einmal darstellen abfedern, indem es die Sicherheit der Allgemeinheit über die Sicherheit der Benutzer stellt. Ein autonomes System kann aber auch einfach die gleiche Haltung wie bisher fortschreiben: Mit überhöhter Geschwindigkeit bei dunkler Fahrbahn ohne funktionstüchtiges Radar und gelangweilt SMS checkender Insassen über unsere Straßen brausen. Wie werden wir uns entscheiden – und zählt das überhaupt?

Screenshot und Video: Tempe Police
Text: M. Stoß