Der tote Winkel tötet. Während in Deutschland bezogen auf LKW immer noch das Mantra vom Blickkontakt und Vorfahrtverzicht für Radfahrer wiederholt wird, Warnhinweise auf LKWs gepappt werden und zukünftige Assistenzsysteme das Schlimmste verhindern sollen, geht man in London einen anderen, schnelleren Weg. Der Londoner Labour-Bürgermeister Sadiq-Khan folgt wie berichtet seinem konservativen Amtsvorgänger Boris Johnson bei dem Ziel, die Zahl der schweren Unfälle mit abbiegenden LKWs zu reduzieren. Keine Frage der politischen Ausrichtung also, sondern einfach nur eine des guten Regierens. Die zukünftig in London erlaubten LKW werden demnach mit einem 5-Sterne System klassifiziert werden. Null Sterne bedeuten ein Aus ab 2020, ein oder zwei Sterne verschaffen eine Galgenfrist bis 2024. 

Im Kern der Strategie steht das Ziel eines Umbaus der gesamten LKW-Flotte, die in London fahren darf. Fahrzeuge, die eine tief herabgezogene Frontscheibe und ein ebensolches Beifahrerfenster haben dürfen bleiben. Direct Vision, direkte Sicht, lautet die Devise. Laut einer Meldung auf road.cc sind in der ersten Null-Stern-Phase ca. 35.000 der gefährlichsten schweren LKW (oft Baufahrzeuge) betroffen, die bis 2020 aus London verbannt werden. Sie sind für etwa 70% der tödlichen Unfälle der letzten 3 Jahre verantwortlich. Die Betonung der einfachen baulichen Vorgabe “direkte Sicht” ist durch eine wissenschaftliche Untersuchung der Universität Leeds zusätzlich unterstützt worden. Demnach reagieren LKW-Fahrer 0,7 Sekunden langsamer auf ein Ereignis, das sie mittels Kamera oder Spiegel erfasssen, als auf eines, das sie direkt sehen können.

Fast eine Sekunde – nicht viel, aber angesichts von Reaktionszeiten und Bremswegen oft der Unterschied zwischen Leben und Tod eines Radfahrers oder Fußgängers.

Bis 2020 ist es eine lange Zeit, und – wie Apelle zu einer bitteschön früheren Einführung zeigen – auch durchaus zu lang, aber der Erfolg scheint dafür umso sicherer. Es geht Sadiq-Khan nicht um Selbstverpflichtungen der Industrie, um Kommissionen, die Modellprojekte auf den Weg bringen sondern schlicht um ein Eingreifen der Stadtregierung zum Wohle ihrer Bürger. Mit der langen Vorlauffrist von jetzt immer noch 3 Jahren erwartet London, dass sich die Unternehmen bei der Neubeschaffung von Fahrzeugen auf die Vorgabe “direkte Sicht” einstellen können.

Drei Jahre – sehr lang, und ein bitterer Kompromiss auch hier – aber angesichts der endlosen Diskussionen und des Victim-Blaming in Deutschland ein rasantes Tempo.

Wieviele Radfahrer und Fußgänger werden wohl hierzulande noch sterben, bis eine solche Entwicklung auch bei uns möglich wird? Würden wir heute noch Bügeleisen akzeptieren, die ab und an tödliche Stromschläge austeilen? Dürfte eine Espressomaschine verkauft werden, deren Dampfbehälter gelegentlich in die Luft fliegt? Setzt man sich auf ein Fahrrad, dessen Hersteller für den Einbau defekter Bremsen bekannt ist? Nein. Mag sein, dass dieser Vergleich unfair ist, denn es geht in diesen Beispielen um die eigene Sicherheit, nicht um die anderer Menschen, wie im Straßenverkehr. Also anders gefragt: Würden Gewerkschaften und Berufsgenossenschaften Arbeitsabläufe akzeptieren, die nach immer wieder dem gleichen Muster schwere bis tödliche Unfälle verursachen? Bekämen Werkzeuge und Maschinen eine Zulassung, wenn alle paar Tage ein Krankenwagen oder Leichenwagen vor einer deutschen Fabrik anhielte? Würden sich angesichts von Folgekosten durch Arbeitsausfälle und Schadenersatzansprüche Unternehmen trauen, ihren Arbeitern gefährliche Arbeitsbedingungen ohne angemssene Schutzveranstaltungen zuzumuten? Auch nicht. Denn wieder stünden die Betroffenen mit den Gefahren in einer direkten Beziehung.

Nur wenn der Nutzen auf der eigenen Seite, der Schaden auf der anderen bleibt, leistet man sich ein so absurd gefährliches System wie ein Zig-Tonnen-Fahrzeug, das ohne optimale direkte Sicht im Blindflug durch die belebten Straßen deutscher Städte steuert. Dieses Denken muss aufhören.

PDF zum “Direct Vision Standard

Foto: Aktron / Wikimedia Commons, CC BY 3.0
Text: Michael Stoß