Schon 2015 haben wir vom K(l)einlaster gehört, einem Schmalspur-Lastenrad der besonderen Art. Nele Dittmar aus Halle hatte sich im Rahmen ihres Industriedesign-Studiums an die Lösung der Frage gemacht, wie man Lastenräder und begrenzten Raum in der Stadt unter einen Hut bringen kann.

Geben wir’s zu: Lastenräder sind eine richtig tolle Sache, wenn man was belastendes zu transportieren hat – aber meistens fährt man halt doch nur leer damit herum (von berufenen Lastradlern mal abgesehen). Dieses Übel treibt auch andere um. Auf der Berliner Fahrradschau ist in diesem Jahr z.B. das Startnext-Projekt von Muli vorgestellt worden, ein Einspurer mit klappbarem Frontkorb. Letztes Jahr berichteten wir über das halbe Lastenrad von Lift, das aus jedem stolzen Stahlross mit wenigen Handgriffen einen treuen Lastesel macht. Der “Keinlaster” von Nele Dittmar ist dennoch anders und der Prototyp schon eine Weile im studentischen Alltagseinsatz.

Das Rad hat zwei besondere Features (mindestens), ein auffälliges und ein unauffälliges:

Der Hingucker schlechthin hat nur mittelbar mit der Eigenschaft als Lastenrad zu tun: es ist die Steuerung über eine Kette statt über ein bei ähnlichen Rädern übliches Gestänge. In Kombination mit der geringen Gesamtlänge und den 20” Rädern macht diese Lenkung das Rad insgesamt sehr wendig. Bei “Kette” fällt dem versierten Radler sogleich noch “abspringen” ein, ein unangenehmer Gedanke, wenn es um die Lenkung geht. Von diesem hat man sich sogleich wieder zu verabschieden: die Kette läuft nicht unter Last, muss nicht diverse Umlenkrollen umkurven oder wird geschaltet, wird mithin nicht gelängt oder verschlissen. Ist sicher. Sicher.

Die Kernaufgabe des K(l)einlasters ist dagegen wirklich mit feinstem Understatement innerhalb des Rahmenvierecks (wir wollen da nicht so genau zählen, ist so der Über-den-Daumen-Eindruck) angesiedelt und im ungenutzten Zustand nur dem stutzend interessierten Beobachter erschließbar. Alle anderen schauen auf die Verarbeitung und fühlen das Besondere, bevor sie es verstehen: Genial einfach befinden sich am Bodenrohr (oder so)  zwei Bügel als Basis der Lastfläche, die bei Bedarf (also oft) hochgeklappt und verspannt werden, so dass das Rad im entlasteten Zustand wirklich Null zusätzliche Breite bekommt. Wer mag und hat, kann in dieser Position noch Fahrradtaschen über die Bügel hängen. Die Lastfläche im ausgeklappten Zustand ist auf eine Bäckerkistenbreite (= zwei mal Getränkekisten-Breite) abgestellt. Die Last fährt innerhalb des Rahmens mit. Man möchte Getränkekiste sein.

Ein Nelefant gehört zu jedem K(l)einlaster.

Nele Dittmar und ihr Rahmenbauer Josef haben es bereits in eine hochkarätig bestückte Ausstellung im Designmuseum Gent/Belgien geschafft, dieses Jahr steht die nächste Ausstellung im Grassi Museum für Angewandte Kunst in Leipzig an (22. Juni bis 01. Oktober) und nebenher will auch noch das Studium beendet werden. Dennoch ist die Testphase inzwischen abgeschlossen, das aktuelle Modell wartet neben einer sauberen Verarbeitung nun mit allen schicken und exquisiten Komponenten auf, die der Markt und der Kundenwunsch so hergeben. Der ist  entscheidend, weil jeder Kleinlaster als Unikat auf die Straße rollt (der Stern/der Jaguar/die Emily heißt hier übrigens “Nelefant”, ebenfalls ein Unikat, handmade). Die ersten Bestellungen werden ab jetzt entgegengenommen – doch wer wird sich dieses Stück Fahrradkunst ordern? Der K(l)einlaster ist vom Anspruch und der Zielgruppe vielleicht am ehesten mit den Norwid-Rädern von Rudolf Pallesen zu vergleichen, Liebhaberstücke für Menschen, die von Rädern träumen und sich dazu bekennen. Die Preisregion ist denn auch ähnlich, mit einem Tick Lastenrad-Aufschlag und Talentförderungsabgabe landet man laut Auskunft während der Berlner Fahrradschau bei bummelig 5.000,- für einen komplett ausgestatteten Keinlaster. Für den absolut wahnsinnig Verschossenen gibt es natürlich kaum eine Grenze nach oben, Nele Dittmar ist offen für alles irrsinnig schöne jenseits des schnöden Nutzwertes.

Fehlt noch ein Schluss? Ach nein, das ist sicherlich der krasse Anfang einer unglaublichen Fahrradgeschichte, da gibts keinen. Obwohl… wir könnten noch ganz frech und offen den (nicht gekauften) Aufruf starten, noch bis zum 19.03. beim Cyclingworld Cargo-Bike Award 2017 für den K(l)einlaster zu stimmen 🙂

Bestellungen über www.keinlaster.de
Produktfotos: www.produkteria.de
Foto Fahrradschau: M. Stoß
Text: M. Stoß